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Der gestohlene Hummer

 

Die kleine Britta war mit ihrer Mama in der Küche des großen alten Bauernhofes den schon Brittas Opa zu einem Ferienhaus umgebaut hatte. Der alte Bauernhof lag in einem kleinen Waldstück ganz nahe an der Nordsee. Dort verbrachten sie und ihre Eltern wie jedes Jahr die Weihnachtstage. Die beiden backten gerade Weihnachtsplätzchen für sich und die vielen Familienmitglieder die jedes Jahr kurz vor Weihnachten zu Besuch kamen um mit Britta und ihren Eltern die Weihnachtstage zu verbringen. Das hat Tradition und so hat es die Familie schon gemacht, als Brittas Opa und Oma noch lebten. Da brauchte man eine ganz schön große Menge an Plätzchen. Es kamen nämlich Tante Gerda und ihre Schwester Hilde,

Onkel Heinz mit Tante Franzi und ihrem Sohn Manuel, sowie Papas Bruder Klaus. Das waren mit ihnen zusammen neun Personen, also war richtig etwas los im Haus und besonders lustig war es, wenn jeder morgens versuchte als erster das Badezimmer für sich in Beschlag zu nehmen. Letztes Jahr war es besonders lustig. Da haben Brittas Cousin Manuel und sie einfach das Bad von außen abgeschlossen und das Schild besetzt an die Tür gehängt. Die Erwachsenen haben ständig an die Tür geklopft und Beeilung gerufen, bis sie dann geschimpft haben und hin und her gesprungen sind, weil sie nötig auf die Toilette mussten. Die zwei haben oben auf der Treppe gesessen und sich kaputt gelacht. Das hatte Onkel Klaus mitbekommen, wohl weil sie zu laut gelacht hatten. Zuerst haben sie natürlich einen Anschiss bekommen, der sich gewaschen hatte.

Okay, aber nachher hatten alle Erwachsenen selber darüber gelacht und gesagt, dass dies ein lustiger Streich war. Onkel Klaus meinte dann noch, dass man sich ja wohl wieder auf einiges gefasst machen müsste, wenn die Zwei wieder zusammen sind. Und er meinte dann noch so etwas wie, "da haben sich zwei gesucht und gefunden".

Aber Onkel Klaus ist ein richtig lieber und lustiger Onkel. Er ist ein wenig korpulent meint Brittas Mama immer, aber dann erwiderte ihr Papa immer, dass er  nicht nur korpulent, sonder einfach nur dick wäre und wenn der nicht mal bald was an seiner Figur macht, dann kriegt der nie eine Frau ab.

Deshalb nennt ihr Papa ihn auch scherzhafter Weise immer Dickerchen. Er liebt auf jeden Fall die Plätzchen von Brittas Mama und isst schon alleine mindestens ein Kilogramm davon. Am liebsten mag er die Schokoladenplätzchen, die schon ihre Oma genau so gebacken hat und von der ihre Mama ja auch das Rezept bekommen hatte.

Nun ja, man kann schon sagen, dass er eigentlich den ganzen Tag Plätzchen isst.

 

"Das wäre eine Berufskrankheit", meint er dann immer. Ihr Onkel Klaus arbeitet nämlich als Koch in einem großen Restaurant. Da läuft er den ganzen Tag an den Töpfen und Pfannen vorbei und muss immer probieren, ob auch alle Speisen gut gewürzt und nicht versalzen sind.

"Deshalb müsse er immer zugreifen und probieren, wenn er an etwas essbaren vorbei geht", sagt er. " Und der Plätzchenteller steht nun mal an einer Stelle, wo man gefühlte einhundert Mal am Tag vorbeigehen muss. Er hätte ja nie gesagt, dass der Teller genau da stehen sollte.

Außerdem muss ein guter Koch etwas dicker sein, sonst probiert er ja nicht seine Speisen und die Gäste würden sich dann ein anderes Restaurant suchen, weil sie dem Essen nicht trauten.

Also, warum die ganze Aufregung, und die richtige Frau fände er bestimmt auch eines Tages. Schließlich gäbe es ja für jeden Topf den passenden Deckel.

Mein Bruder der alte Hungerhaken soll sich mal um sich selber kümmern,"

betont er dann immer mit einem ziemlich breitem Grinsen auf den Lippen.

  

Britta findet ihren Onkel auf jeden Fall ziemlich lustig. Er kocht nämlich gerne französisch und meint immer, dass die besten Köche aus Frankreich kämen. Deshalb benutzt er auch immer, wenn er etwas betonen möchte, dass Wort "voila".

 

Überhaupt benutzt er immer französische Worte wenn es ums Essen geht.

Dann wird kurzerhand aus einer einfachen Frikadelle mit Kartoffeln eine boulette avec pomme de terre oder aus einem einfachen Würstchen mit Senf eine saucisse avec moutarde.

Wenn er dann erklärt, was es zu essen gibt, dann neigt er immer den Kopf ein wenig zur rechten Seite, schaut ein wenig nach oben, spitzt den Mund, presst den Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zusammen und winkt mit dem linken Arm in der Luft herum, so als wenn seine Hand jedes französische Wort betonen soll. Natürlich endet dann fast jeder Satz

wieder mit dem Wort "voila".

Dann lachen Manuel und Britta immer und das steckt dann die ganze Familie an. Zum Schluss lachen dann immer alle.

Ihr Onkel Klaus kneift dann immer die Augen zusammen und fragt: "Hier gibt es doch nicht etwa irgend jemand der meine Autorität und meine Fähigkeiten anzweifeln will?"

Dann sagen immer alle: "Nein, nein für uns bist du der beste Koch der Welt."

Britta glaubt, dass ist er wirklich, denn sein Essen schmeckt wirklich sehr gut und er lässt sich immer etwas Neues einfallen.

Und wie jedes Jahr zu Heilig Abend wird er auch dieses Jahr wieder ihr Weihnachtsmenü vorbereiten. Darauf freuen sich alle und wenn man ihn dann fragt, was er denn zubereiten wird, dann erhält man die Antwort: "Bon, bon es gibt eine creation exclusive". Damit meint er, dass es etwas Besonderes geben wird. Mehr verrät er nicht. Und Brittas Mama, die findet das besonders gut, denn an diesem Tag braucht sie mal nicht in der Küche stehen. Deshalb nennt sie Heilig Abend auch immer ihren Küchenfreitag, das hat sie abgeleitet von Küchen freien Tag.

 

So nach und nach sind dann alle im Ferienhaus eingetroffen und wie immer gab es eine Menge zu erzählen. Außerdem gab es dann natürlich auch die riesigen Heimlichkeiten und alle versuchten irgendwie einmal alleine zu verschwinden, damit sie ihre Weihnachtsgeschenke aus den Autos holen konnten, ohne dass irgend jemand etwas davon mitbekommt. Die wurden dann in den Schränken und unter den Betten versteckt, damit ja keiner sieht, was zu Weihnachten verschenkt wird. Manuel und Britta haben dann absolute Zimmer betrete Verbote. Warum das so ist wissen die  beiden eigentlich gar nicht. Wo sie doch absolut nicht neugierig sind. Nun ja, die Erwachsenen sind schon manchmal seltsam.

Dann war es soweit.

Schon einen Tag vor dem Heiligen Abend fuhren dann Onkel Klaus mit Brittas Papa in die Stadt. Ihr Papa hatte alle Getränke für die Weihnachtsfeier gekauft und ihr Onkel Klaus sämtliche Dinge, die er für ihr Weihnachtsmenü benötigte. Das machen sie übrigens immer mit dem Fahrrad und den Fahrradanhänger und Brittas Mama meint dann immer, dass sie dann wie immer in Schlangenlinien zurück fahren würden. Nach dem Einkauf sehen sie immer noch kurz bei Freddy vorbei. Freddy betreibt die kleine Dorfschänke und angeblich gibt es da den besten schwarzen Tee von ganz Ostfriesland. Das sie Tee mit Rum meinen, dass vertuschen die Zwei aber ganz gerne. Und eigentlich wollte man ja nur ganz kurz bleiben, aber da man sich so lange nicht gesehen hat, gäbe es ja, wie immer viel zu erzählen und dann vergesse man halt die Zeit.

 

Am nächsten Tag war es dann soweit. Nach dem Frühstück bauten alle Erwachsenen den Tannenbaum auf und richteten alles für das Fest her. Halt wie jedes Jahr. Auch das war lustig, weil alle Erwachsenen immer ihre Lieblingskugeln an ihrer Lieblingsstelle aufhängen wollen. Da gibt es schon die eine oder andere Streitigkeit und wenn dann jemand die Kugel eines Anderen einfach umhängt, dann ist das Donnerwetter da. Aber das meinen sie alle nicht ernst. Die  Kinder müssen sich dann immer anders beschäftigen. Die Erwachsenen meinen, dass wir ihnen nur vor den Füßen stehen.

 

So sind Manuel und Britta nur so im Haus herumgelaufen. Als sie in die Küche kamen, da war Onkel Klaus schon mit dem Essen zubereiten beschäftigt. Sie schauten auf dem Küchentisch um herauszufinden, was er denn für schöne Sachen für das Weihnachtsessen zubereitet.

Aber was war dass? Auf dem Tisch lag ein riesengroßer Hummer. Er schimmerte ein wenig bläulich und seine Scheren waren mit zwei roten Gummibänder zusammengebunden. Der sah wirklich ganz interessant aus. Ihr Onkel Klaus meinte, sie sollten nicht zu dicht an ihn herangehen, sonst könne er ihnen die Nase abkneifen. Die Zwei meinten, dass er das gar nicht könne, weil er doch schon tot wäre. Da lachte Onkel Klaus ganz laut und meinte, "aber nein, Hummer werden immer lebendig ins kochende Wasser geworfen. Nur so kann man gewährleisten, dass sie richtig frisch sind.

Da hob der Hummer auch schon seine Zange und die Beiden sahen, dass er wirklich noch lebte.

Entsetzt sahen Manuel und Britta sich an. Der arme Hummer soll lebendig in das heiße Wasser geschmissen werden. Das geht doch gar nicht. Sofort sagten die  Beiden zu unserem Onkel Klaus, dass er das auf keinen Fall machen dürfte. Sie könnten doch am Heiligen Abend nicht einfach ein Lebewesen töten und dann auf so einer grausamen Art und Weise.

Nein, nein, nein. Das geht gar nicht. Aber ihr Onkel Klaus ließ sich nicht erweichen. Er meinte, "das wäre halt so und der Hummer würde nichts davon merken."

Mit gesenktem Kopf und sehr traurig gingen Manuel und Britta in ihr Zimmer. Sie waren sie sich einig. Der arme Hummer dürfte nicht sterben und sie überlegten hin und her wie sie ihn retten könnten. "Die Erwachsenen bräuchten wir gar nicht fragen. Denen ist das egal und die sagen dann sowieso nur, dass Onkel Klaus schon das Richtige machen würde", meinte Manuel. Dann nahmen sie Brittas Laptop und schauten sich an, wo denn Hummer überhaupt herkommen. Da stand geschrieben, dass man viele Hummer vor der Insel Helgoland in der Nordsee findet. Und dann kam ihnen die Idee.

 "Wir werden ihn befreien und dann einfach unten am Strand aussetzen. Dann könnte er wieder alleine unter Wasser nach Helgoland zurücklaufen.

Am Heiligen Abend werden uns die Erwachsenen bestimmt nicht böse sein," sagte Britta.

Als die Erwachsenen dann zusammen Kaffee tranken, da schlichen Manuel und Britta sich einfach in die Küche, und nahmen den Hummer aus der Spüle heraus, wo er jetzt im Wasser lag. Sie wickelten ihn in ein großes Handtuch und liefen mit ihm hinunter zum Strand. Da wickelten sie ihn wieder aus dem Handtuch heraus und nahmen vorsichtig die Gummiringe von seinen Zangen, nachdem sie ihn auf den Strand gesetzt hatten. Langsam lief er Richtung Wasser und wurde dann von der ersten Welle überschwappt. Dann war er vollständig im Wasser und es sah so aus, als wenn er zum Abschied noch einmal mit einer Zange gewunken hatte.

 

So, der Hummer war gerettet. Langsam trotteten die beiden nach Hause und erwarteten natürlich das Donnerwetter von ihren Eltern. Aber komischer Weise passierte überhaupt nichts.

Abends war es dann soweit. Endlich gab es das von allen lang ersehnte Weihnachtsmenü, welches immer vor der Bescherung stattfindet.

Onkel Klaus hatte sich wieder selbst übertroffen. Es gab so viele leckere Sachen und Onkel Klaus erklärte natürlich wieder auf Französisch was er alles zubereitet hatte.

Dann zeigte er auf eine Platte, auf der nur etwas gekochtes Gemüse lag

und sagte: "Dies ist meine Hummerplatte, aber leider ohne Hummer halt Hummerplatte exempte de Langoustine.

Den hat mir wohl eine Raubmöwe gestohlen. Ich habe den Fehler gemacht und in der Küche das Fenster offen stehen lassen". Das sollte einem Koch eigentlich nicht passieren".

Dabei schaute er Manuel und Britta an, zwinkerte dabei mit dem rechten Auge und lachte dabei. Da mussten auch Manuel und Britta lachen und natürlich wieder die ganze Familie.

Dann sagte Onkel Klaus wie immer: "Ihr lacht doch nicht etwa über mich?  Hier ist doch wohl keiner, der meine Autorität und meine Fähigkeiten anzweifelt?"

Darauf antworteten natürlich alle wie im Chor: "Nein, nein, du bist für uns der beste Koch."

Dann lachten wieder alle.

Es wurde ein wunderschönes Weihnachtsfest. Onkel Klaus hat die Beiden nie bei ihren Eltern verraten und es gab nie wieder Hummer zu Weihnachten.

Autor Siegfried Mau,
Heimdall-Verlag-Rheine, ISBN 978-3-946537-59-5