Wie Sedra aus Syrien flüchtete
Von , Monika Koch
Der Gospelchor „Maranatha“ aus Bremen sorgte im Begegnungszentrum Mitte 51 für tolle Stimmung.Fotos: Monika Koch | Foto: Monika Koch
Gelebte Integration wie aus dem Bilderbuch mit dem Gospelchor „Maranatha“ bot sich am vergangenen Samstag, dem Tag der Deutschen Einheit, bei strahlendem Sonnenschein auf der Straße vor der Begegnungsstätte „Mitte 51“. Der Anblick der vielen Menschen, die sich voller Freude unter dem leidenschaftlichen Gesang des Gospelchors bewegten und sogar mit ihrem Leader trommelten, war hinreißend. Rund herum gab es Köstlichkeiten aus fernen Ländern, mit denen man sich verwöhnen konnte. Es war der letzte Tag der Interkulturellen Woche, der am Samstag gefeiert wurde. Die Woche hätte nicht schöner enden können.
Am Morgen begrüßten Michele Mong und Gabriele Leskow vom Ausschuss für Chancengerechtigkeit und Integration (ACI) geladene Gäste und Menschen, die den Tag miteinander erleben wollten. Zwei zauberhafte Mädchen eröffneten den Tag mit einem anmutigen, tamilischen Tanz. Der Gospelchor „Maranatha“ aus Bremen sorgte für erste Begeisterungsrufe und kräftigen Applaus bei seinem Auftritt mit dem Ruf an „Jesus“, der für alle Geflüchteten Hoffnung auf Rettung bedeutet: „Wir sind befreit im Namen Jesus.“
Die Befreiung von Kriegen war das größte Thema des Tages. Zwei Filme über die Beweggründe von Geflüchteten und ihrer Entwicklung bei uns in Rheine hatte Integrationspreisträger Heinz Schulte gedreht und führte sie am Morgen und am Nachmittag vor. Er überreichte den Ehrengästen – Staatssekretär Lorenz Bahr, dem stellvertretenden Bürgermeister Fabian Lenz und dem ACI-Vorsitzenden Manohoran Murali – einen Datenträger mit drei Filmen in einer Geschenkbox.
Murali kam selbst in den 1960er Jahren aus Sri Lanka nach Deutschland und erhielt hier keine Arbeitserlaubnis. Das motivierte ihn, an dem Status der Geflüchteten oder Einwanderer etwas zu ändern.
Murali ist ein engagierter Vermittler zwischen Einheimischen und Migranten. „Ich möchte den Menschen in Rheine deren Beweggründe nennen und zeigen, welche Gefahren sie überwinden mussten, um vor den Kriegen zu flüchten.“ Das wurde in den zwei Filmen von Heinz Schulte deutlich dokumentiert, auch in Zusammenarbeit mit einer Arbeitsgruppe „Lampedusa“ aus Hannover, die den grauenhaften Fluchtweg im Meer bildlich zeigte. Diese Bilder sind fast unerträglich und doch real.
Lorenz Bahr ist Staatssekretär im Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration in NRW. Er sagte als Festredner: „Einheit und Freiheit sind nicht selbstverständlich. Eine Gesellschaft entsteht, wo Menschen ihren Alltag miteinander teilen. Die Vielfalt wird uns hoffentlich auch in Zukunft ausmachen.“ Er bedankte sich bei allen Initiatoren: „Mein Dank gilt besonders denen, die einfach nur ihre Türen öffnen.“
Im Anschluss an die Festrede und das Grußwort der Stadt Rheine von Fabian Lenz führte Heinz Schulte den ersten Film „40 Jahre Integrationsarbeit in Rheine“ vor. Der zweite Film am Nachmittag mit dem Gespräch der heute 21-jährigen Syrerin Sedra, die mit ihrer Familie vor elf Jahren aus ihrer Heimat flüchtete, ging tief unter die Haut. „Als wir in das Schlauchboot stiegen, hatten wir große Angst zu sterben, aber der Schlepper ließ uns mit einer Schusswaffe in der Hand keine Wahl. Entweder du stirbst hier oder auf dem Meer“, so hätte ihre Familie seine Devise verstanden.
„Wir sind am 2. Oktober mit großer Angst in das Boot gestiegen. Es regnete, das Meer schlug hohe Wellen. Ich war neun Jahre, und weil ich so klein war, lag ich ganz unten und viele Menschen auf mir. Das Boot fing an zu schwanken, die Kinder weinten. Als ich im Wasser war, bin ich nur noch geschwommen. Ich habe viele neben mir sterben sehen, Irgendwann sah ich Sterne und wurde ohnmächtig.“ Eindringlich, glaubwürdig und passend zur Botschaft des Tages betonte die Zeitzeugin: „Wir alle suchen nur nach einer Zukunft ohne Krieg.“
„„Als wir in das Schlauchboot stiegen, hatten wirgroße Angst zusterben.““
Sedra Khalil (21) über ihre Flucht
Quelle: Münsterländische Volkszeitung, 06.10.2026, © Altmeppen Verlag GmbH & Co. KG ,
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